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Meine zwei Jahre als EX-IN Genesungsbegleiterin beim Sozialpsychiatrischen Dienst München-Nord, Diakonie Hasenbergl e.V.

Christiane Ziegler-Heusler, Juli 2017

Ich begann meine Tätigkeit als EX-IN Genesungsbegleitung für 5,5 Stunden wöchentlich bei o.g. SpDi im Mai 2015. Ich war froh, eine qualifizierte Arbeit als EX-IN Kraft gefunden zu haben.

Ich wurde sehr herzlich vom Team aufgenommen (12 MitarbeiterInnen), mit einer Ausnahme wurde ich von Anfang an akzeptiert. Der/die MitarbeiterIn, der/die anfangs skeptisch war, hat mich dann aber auch gut angenommen.Ich war von Beginn an bei den Team-Sitzungen dabei und es wurde bei den Fallbesprechungen Wert auf meine Meinung gelegt. Was es mir natürlich erleichterte, dabei sofort einzusteigen, ist meine Vorerfahrung als Sozialpädagogin (ich habe in meinen jungen Jahren in einem Jugendzentrum und in einer Einrichtung für mehrfach behinderte Kinder gearbeitet). Aber hauptsächlich war in besonderem Maße meine Meinung als Expertin durch meine Krisenerfahrung gefragt.

Meine Einarbeitung dauerte deutlich länger als bei MitarbeiterInnen, die dort 20 oder noch mehr Stunden wöchentlich arbeiten. Man hat mir Zeit gelassen mich einzugewöhnen. Ich führte zunächst, neben meiner Teilnahme an den Team-Bespechungen mit jedem der dortigen KollegInnen ein Einzelgespräch über seine/ihre Arbeitsweise und ließ mich am Computer einweisen.

Ich habe mir 2 Vertrauenspersonen gewählt, falls mal eine nicht da sein sollte, und ich schnell ein Gespräch brauchen würde. Mit diesen bin ich regelmäßig im Kontakt.

Im September 2015 fing ich an, alle 14 Tage eine 1-stündige Bewegungsgruppe zu leiten mit Gymnastik, Erdungsübungen und Tanz. Bewegung hat mir selbst immer auch geholfen, psychisch ausgeglichener zu werden. Ich bewege mich sehr gerne in der Natur, (Wandern, Jogging , Spaziergänge, zuhause Erdungsübungen) und ich tanze gerne (freier Tanz, Kreistanz). Es fehlte auch beim SpDi München-Nord ein Angebot für Bewegung. Aber leider wurde diese Gruppe nur bis Weihnachten 2015 einigermaßen gut angenommen. Danach hatte ich nur noch 1 Person, die teilgenommen hat und der das Bewegungsangebot auch gut gefallen hat bis März 2016. Nach der Sommerpause kamen noch einmal 2 Personen in die Gruppe, dann gar niemand mehr. Ich musste die Gruppe einstellen, was ich sehr schade fand.

Die Ursachen mögen darin liegen, dass es vielen Menschen, auch gesunden, schwerfällt, sich über einen längeren Zeitraum hinweg zu Bewegung aufzuraffen. Auch gibt es für den Tag, an dem das Bewegungsangebot statt fand zwei weitere Gruppenangebote, die großen Zulauf haben und schon seit vielen Jahren bestehen.

Einzelfallklienten sollte ich erst kennenlernen, mir aussuchen dürfen und dann übernehmen, aber das hat nicht geklappt, weil diese nicht von Ihren alten BeraterInnen weg wollten.

Einmal wurde mir von einer Beraterin eine Klientin für 2 Gespräche vermittelt, das dieser geholfen hat, sich zu öffnen, weil sie in einer Krankheitskrise steckte mit der ich bereits in ähnlicher Weise selbst konfrontiert war.

Ansonsten habe ich mir bei der Neuverteilung von Klienten mir unbekannte Personen ausgesucht und habe dabei riesige Überraschungen erlebt, weil die Probleme, die auf der Neuanmeldung standen, sich doch als ganz anders dargestellt haben in der Beratung. Man hat nun im Team vereinbart, dass für jeden meiner Fälle ein Ansprechpartner da ist, mit dem ich Rücksprache halten kann.

Ich dokumentiere meine Beratungen wie alle im Team, eine Tätigkeit, der ich sehr gerne nachkomme, weil ich dabei meine Gespräche reflektieren und verarbeiten kann.

Nach 2 Jahren brauche ich weniger Rücksprache mit KollegInnen, weil ich an Sicherheit gewinne und mich in der Münchner sozialpsychiatrischen Infrastruktur immer besser auskenne.

Die Arbeit macht mir große Freude, weil die Probleme sehr vielfältig sind und es nie langweilig wird. Natürlich ist meine Tätigkeit auch manchmal schwierig und ich bin nach meinem Arbeitstag müde. Aber ich gehe meist zufrieden nachhause.

In letzter Zeit berate ich überwiegend Klienten, die sehr misstrauisch sind, die eine sinnvolle Tagesstruktur brauchen und diejenigen, die ohne Hoffnung sind. Solche Klienten kann am besten eine Genesungsbegleitung beraten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ab dem Zeitpunkt, wo ich meine Krisenerfahrung dem Klienten gegenüber erwähne, ein besserer Kontakt entsteht.

Was ich neu in die Beratungstätigkeit beim SpDi München-Nord mit eingebracht habe, ist neben meiner Krisenerfahrung, dass ich schon mal während der Gespräche mit meinen Klienten einen freien Tanz mache zur Auflockerung und ich möchte in Zukunft vereinzelt auch mit Geschichten arbeiten, zunächst mit Recovery-Geschichten, also den Geschichten von psychisch kranken Menschen und deren Entwicklung zur Genesung. Genesung meint nicht vollständige Heilung, sondern ein zufriedenstellendes, qualitativ gutes Leben führen zu können. Diese Arbeitsweise ist natürlich nur mit Klienten möglich, die bereits einen Ansatz für eine positive Entwicklung zeigen.

Ich arbeite nicht bei Kriseneinsätzen mit. Das würde mich überfordern.

Zweimal habe ich über meine Erfahrungen bei meiner Arbeitsstelle zusammen mit meiner Dienststellenleiterin bei anderen Einrichtungen berichtet.

Ich habe bis auf die Bewegungsgruppe gute Erfahrungen in den 2 Jahren am Hasenbergl gemacht; meine Arbeit dort gibt mir Selbstbewusstsein und Bodenhaftung.

Es wäre allerdings wünschenswert, dass ich mehr Stunden arbeiten könnte, um noch mehr Gewicht als EX-IN Kraft bei meiner Arbeitsstelle zu bekommen und um eine größere Anbindung an mein Team zu haben. Leider lässt sich dies zur Zeit noch nicht umsetzen, trotz Bemühungen meiner Dienststellenleiterin. Der Bezirk Oberbayern hat eine Stellenerweiterung abgelehnt und ich dürfte auch nicht mehr als 6,5 Stunden arbeiten, weil ich alles, was darüber ist, von meiner EU-Rente abgezogen bekomme.

Ich kann trotzdem eine positive Bilanz ziehen und kann sagen:  Ich habe den richtigen Arbeitsplatz und das passende Team für mich gefunden.