Selbstwirksamkeit nach Erfahrung von Fixierung und Zwangsbehandlung

„…auf ein gutes Gespräch….“

von Margit Kirschbaum

Das Thema Fixierungen und Zwangsbehandlungen in der Psychiatrie ist vielen Menschen bekannt, vor allem denjenigen, die durch eigene leidvolle Erfahrungen als sogenannte „Behandelte“ ihr persönliches Trauma mit sich tragen. Ich gehöre auch zu diesem Personenkreis, was mich dazu veranlasste, in die Offensive zu gehen … Für mich zeigte sich, auch durch die jahrelange, harte therapeutische Arbeit an mir selbst, dass nur mein eigenes Handeln, mich von der Last des Erlebten befreien kann.

So schrieb ich an den für mich 2010 zuständigen Oberarzt in Haar, mit der Bitte um die Möglichkeit einer Gesprächsrunde … konstruktiv … im Austausch, mit all den mich damals „behandelnden Fachleuten“, um diesen in meinem jetzigen „Normalzustand“ schildern zu können, welche Empfindungen und vor allem welche katastrophalen Auswirkungen Zwangsbehandlungen mit sich bringen. Schon beim Schreiben des Briefes wurde mir leichter um’s Herz. Ich konnte etwas tun … war nicht machtlos …

Ein Antwortbrief aus dem Sekretariat von Haar kam an mich zurück. Leider konnte mir der Wunsch nach einer Gesprächsrunde auf Grund der personellen Veränderungen auf Station nicht erfüllt werden. Aber dafür erhielt ich das Angebot, telefonischen Kontakt mit dem Oberarzt aufzunehmen, um ein persönliches Gespräch zu vereinbaren. Leider war jedoch der Oberarzt sehr schwer zu erreichen… Zwei Wochen lang telefonierte ich immer wieder mit seinem Team, war penetrant, bat um Rückruf, folgte vermeintlich besseren Telefonzeiten, aber der Oberarzt war nicht greifbar und ließ nichts von sich hören. Ich schrieb einen zweiten Brief. Etwas zorniger, drohender … und es machte richtig Spass… Eine Kopie des ersten und des zweiten Briefes und einen persönlichen Brief an die Chefärztin schickte ich zeitgleich ab.

In der Zwischenzeit hatte ich auch bei MüPE bereits mein Vorhaben kundgetan und um Unterstützung gebeten, womit ich auf positive Unterstützung stieß. Die unabhängige Beschwerdestelle räumte mir ebenso Zeit ein, um mein Anliegen vortragen zu können und stärkte mir ebenfalls den Rücken.

Als die Stimme des Oberarztes kurz nach dem zweiten Brief auf meinem Anrufbeantworter zu hören war, wusste ich, ein kleiner Sieg war errungen! Das anschließende, kurze Telefonat mit ihm, war zwar wieder etwas ernüchternd, aber die, mir von ihm erneut auferlegte Wartezeit von „nur“ 5 Wochen, würde ich auch noch abwarten können.

So kam es tatsächlich Anfang September 2011 zu einem Treffen in Haus 7 in Haar. Wir, Corina, Anton und ich begaben uns „in die Höhle des Löwen“, alle mehr oder weniger nervös der Atmosphäre auf dieser Station trotzend. Der Oberarzt empfing uns freundlich, sichtlich überrascht über unser Erscheinen im 3er-Bund ( was ich jedoch angekündigt hatte…) und bat uns in einen Besprechungsraum. Es wurde ein sehr offenes, ehrliches Gespräch, bei dem jeder der Beteiligten seine Sichtweisen und Meinungen aussprechen durfte ohne dass dabei der gegenseitige Respekt gefehlt hätte. Der Oberarzt zeigte ehrliches Bedauern bei der Schilderung unserer Erlebnisse und sprach offen über die Nöte und Zwänge der sogenannten Profis und von der Schwierigkeit gut ausgebildete und kompetente Mitarbeiter für die Teams zu finden.

Das Thema EX-IN war ihm anscheinend ganz neu, er war jedoch der Idee der Gene­sungs­begleitung durch „Erfahrene“ und der Beschäftigung solcher Personen auf seinen Stationen gegenüber nicht abgeneigt.

Wir verabschiedeten uns mit dem Vorhaben in Kontakt zu bleiben. Eine ganze Stunde verbrachtenwir mit unserem Austausch, verließen die Station Haus 7 als freie Menschen … im Gepäck … wieder eine kleine Siegesfahne…

Margit Kirschbaum, 2011, München

(Haar = kbo-Isar-Amper-Klinikum München Ost, MüPE = Münchner Psychiatrie-Erfahrene e.V.)

Informativer Link zum Thema Zwang in der Psychiatrie.

„Neuroleptika reduzieren und absetzen“

Die Broschüre ist gegen eine Schutzgebühr von 2 Euro zzgl. Porto erhältlich bei der Geschäftsstelle der DGSP
und wird hier zum Download zur Verfügung gestellt.