Tanja Sabrowsky ist eine Pionierin: sie ist eine der ersten EX-IN-Genesungsbegleiterinnen, die ihr Pflichtpraktikum in der Kinder- und Jugendpsychiatrie absolviert hat. Unbedingt wollte die 46-Jährige ins kbo-Heckscher-Klinikum und nach ihrem Gespräch mit der Pflege- und Erziehungsdirektorin Lena Heyelmann war auch sie überzeugt: es ist einen Versuch wert. Als ich Mitte Februar Frau Sabrowsky, die leitende Psychotherapeutin Sabrina Kroll und Paul Ventzlaff, den Leiter des Pflege- und Erziehungsdienstes auf der Station 2, zum Interview treffe, hat die Praktikantin ihre achtzig Stunden in der „Heckscher“ fast voll.
„EX-IN“ steht für „Experienced Involvement“, also das Einbeziehen von Menschen, die selbst psychiatrie-erfahren sind. Sie werden zu Mitarbeitenden qualifiziert und eingesetzt – in psychosozialen Diensten, in der Fachkräfteausbildung, im betrieblichen Gesundheitsmanagement oder im Krisendienst von Unternehmen. Tanja Sabrowsky ist so ein Mensch. Bereits in der Kindheit machte sie belastende und herausfordernde Erfahrungen, viele Klinikaufenthalte als Erwachsene folgten. Sie lebt in einer therapeutischen Wohngruppe, will jedoch in eine eigene Wohnung ziehen und in naher Zukunft als Ex-In Begleiterin arbeiten. Denn sie ist auch stark – stark in dem Willen, andere zu unterstützen, ihnen beizustehen und sei es auch nur, indem sie sagt „ich kann das so gut verstehen, dass du frustriert bist, denn ich kenne das Gefühl nur allzu gut.“ Auf der Website des Vereins EX-IN Bayern heißt es: „Krisen- und Bewältigungserfahrung ist bei EX-IN kein Makel, sondern qualifizierende Voraussetzung.“ Genesungsbegleiterinnen und -begleiter können Brücke sein zwischen Patientinnen, Patienten und Mitarbeitenden, egal, ob Ärztin, Psychotherapeutin oder Erzieher. „Die Begleiter sind Vermittler zwischen Profi und Betroffenem, weil beide Seiten manchmal nicht so gut nachvollziehen können, warum wie gehandelt wird. Und den Jugendlichen Zuversicht und Hoffnung zu geben – das ist möglich“, sagt Tanja Sabrowsky, die selbst ausgebildete Erzieherin ist. Paul Ventzlaff ergänzt, dass es manchmal eine große Distanz zwischen den Jugendlichen und den Mitarbeitenden auf Station gebe, weil diese ja nicht die gleichen Probleme hätten. Aber wenn da jemand als Bindeglied wirken kann, sei das sehr positiv. Die Jugendlichen hätten Frau Sabrowsky sofort akzeptiert und waren auch interessiert an ihrer „Geschichte“. „Es ist eine sehr wertvolle Ergänzung für uns, um die Patientinnen und Patienten zu verstehen, wenn sie sich beispielsweise verschließen und man nicht weiterkommt“, sagt Psychotherapeutin Sabrina Kroll.
Das Praktikum hat Frau Sabrowsky sehr gut gefallen, sie sei von Anfang an als gleichwertiges Team-Mitglied integriert worden, die Nachfragen nach ihrer Sicht oder Meinung empfand sie als sehr wertschätzend. Gegenüber den Jugendlichen hat sie sich offen gezeigt, denn das sei ja ihr Job. Und die Nachfragen ließen nicht lange auf sich warten: „Wie war das denn bei Ihnen?“, „Was hat Ihnen da geholfen?“ Stationsleiter Paul Ventzlaff erklärt: „Tanja hatte feste Ansprechpartner bei uns auf Station, ihre ersten Einsatztage wurden geplant und gemeinsam strukturiert. Später war von uns das Vertrauen da, dass sie auch mal alleine in die Gruppe gegangen ist. Die Abstimmung und der Austausch mit ihr haben gut geklappt und das fände ich auch für künftige Einsätze sehr wichtig.“ Ihre Rückmeldung über die Arbeit des Pflege- und Erziehungsdienstes fand er sehr wertvoll. Für das Team sei es anfangs etwas ungewohnt gewesen, weil die Aufgabenstellung noch nicht so konkret war, die Integration in das Team hat aber auf Anhieb gut geklappt. Frau Kroll berichtet von der Skills-Gruppe. Hier habe Tanja Sabrowsky ihre eigene Skill-Box mitgebracht. Die Patientinnen und Patienten waren sehr neugierig und gespannt, was da so drin ist. „Und es gab auch Dinge, die für mich neu waren, zum Beispiel, dass sich manche Skills abnutzen. Das fand ich ganz wichtig und spannend – für uns, aber vor allem für die Jugendlichen. Die haben da sehr viel mitgenommen“, so Sabrina Kroll. Und das haben sie Frau Sabrowsky auch gesagt. Zwei von ihnen haben sogar ein paar Zeilen geschrieben: „Sie sind eine echt beeindruckende Frau. Ich hoffe, auch irgendwann so von mir selbst reden zu können, mich wertzuschätzen, mich selbst zu lieben. In der Hinsicht sind Sie eines meiner Vorbilder. Danke, dass Sie hier waren und so motiviert durch den Alltag in der Heckscher-Klinik gegangen sind“, schrieb ihr eine Patientin.
Copyright Autorin: Ruth Alexander, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, kbo-Heckscher-Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie

Auf dem Foto von links nach rechts: Paul Ventzlaff, Tanja Sabrowsky, Sabrina Kroll
Copyright Bild: kbo-Heckscher-Klinikum