15. Bayerischer Selbsthilfekongress in Amberg –
Ein Impuls von Prof. Dr. Jalid Sehouli
Von Chris Kerbeck
Am Freitag, den 10.07.2026, war ich auf dem 15. Bayerischen Selbsthilfekongress in Amberg mit über 250 Teilnehmenden. Ein Vortrag hat mich besonders beschäftigt: „Sprechen auf Herzenshöhe – oder von der Kunst, schlechte Nachrichten gut zu überbringen“ von Prof. Dr. Jalid Sehouli, Frauenarzt und Onkologe.
Den Begriff ‚Herzenshöhe‘ kenne ich von EX-IN Bayern. Dort geht es um das Verhältnis von Genesungsbegleiter:innen zu Klient:innen. Als ich ihn das erste Mal hörte, dachte ich: „Endlich! Besser als ‚Augenhöhe‘.“ Doch im Laufe des Vortrags wurde mir klar: Auch hier steckt ein Machtgefälle drin. Denn auch ein zugewandtes, empathisches Wort kommt oft von der Seite derer, die gesund sind, die Macht haben und die Entscheidungen treffen. Es bleibt ein Gefälle von oben nach unten.
Das Problem: Machtgefälle in der Medizin
Im Publikum saßen wütende und verzweifelte Menschen, die berichteten, wie sie von Ärzt:innen empathielos im Regen stehen gelassen wurden. „Wie soll ich mich wehren?“, fragte eine Frau. „Morgen operiert er mich – oder er ist der Einzige vor Ort.“ Patient:innen haben Rechte, aber nicht immer die Augenhöhe, sie einzufordern.
Es gibt zwar selbsthilfefreundliche Krankenhäuser, in denen Selbsthilfegruppen sichtbar sind und Feedback geben, doch das reicht nicht, denn Ärzt:innen müssen nicht zuhören. Und Veränderung braucht Zeit.
Die Lösung: EX-IN als Game-Changer
In der Psychiatrie arbeiten seit 20 Jahren Genesungsbegleiter:innen in Teams – auf Stationen, in Tagesstätten oder sozialen Diensten. Was hat sich verändert?
Kommunikation: Früher wurde über Patient:innen oft abwertend gesprochen. Heute fordern EX-IN-Genesungsbegleiter:innen eine wertschätzende Sprache. „So kann man über Menschen nicht reden.“ Und wo sich Sprache ändert, ändert sich auch die Haltung.
Gleichberechtigung: Als Genesungsbegleiterin bringe ich meine Perspektive ein und gemeinsam mit dem Team finden wir Lösungen. So wird der Austausch mit Betroffenen immer selbstverständlicher. Ärzt:innen erleben, dass unsere Stimmen gleichwertig sind, und das Abwägen verschiedener Sichtweisen wird zur Normalität.
Diese Gleichwertigkeit und neue Haltung zeigen sich besonders dort, wo das System an seine emotionalen Grenzen stößt: beim Überbringen schwerer Diagnosen.
Präsenz: Prof. Sehouli hat in einer Studie herausgefunden: Patient:innen brauchen bis zu 18 Sekunden, um nach einer schlechten Nachricht zu reagieren. Ärzt:innen halten die Stille nur 16 Sekunden aus. Als Genesungsbegleiterin verstehe ich die inneren Prozesse hinter dieser Stille und habe selbst erfahren, wie wichtig sie ist. Darum ist mein Job: Da sein. Stille aushalten. Signale senden: Du bist nicht allein.
Der Appell: EX-IN groß denken
Die Psychiatrie hat gezeigt: Erfahrungsexpertise macht die Medizin humaner. Vor 60 Jahren hätte niemand geglaubt, dass ehemalige Patient:innen mit Psychoseerfahrung auf geschlossenen Stationen arbeiten und Hoffnung tragen.
Erfahrungsexpertise verändert die Medizin, denn sie verändert die Kommunikation. Sie verändert die Haltung. Wir sollten uns selbstbewusst in die Diskussion über die Kommunikation in der Medizin einmischen und aufzeigen, dass unser Platz nicht nur in der Psychiatrie ist, sondern auch in der Onkologie und allen Bereichen, in denen schlechte Nachrichten überbracht werden.
Peer-Aktivitäten in allen Bereichen der Medizin sind wichtig, aber sie bekommen dort eine stärkere Kraft, wo diese Peers als ausgebildete Kolleg:innen Teil des Teams sind. Darum dürfen wir nach meiner Meinung EX-IN ruhig größer denken als ‚nur‘ Psychiatrie.